Festrede zum 700-jährigen Jubiläum der Schenkung des Rathenower Stadtforstes

Festveranstaltung am 11.05.2019 – Konzertsaal Alte Mühle, Rathenow

 

Am Waldessaume träumt die Föhre,
Am Himmel weiße Wölkchen nur,
Es ist so still, dass ich sie höre,
Die tiefe Stille der Natur.

 

Rings Sonnenschein auf Wies' und Wegen,
Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
Und doch, es klingt, als ström' ein Regen
Leis tönend auf das Blätterdach.

 

1885 veröffentlichte Theodor Fontane, dessen Geburtsjahr sich 2019 zum 200. Mal jährt dieses Gedicht. Aber neben diesem besonderen Jubiläum mangelt es in diesem Jahr nicht an weiteren runden Jubiläen.

So betrat vor 50 Jahren Nils Armstrong als erster Mensch den Mond.

Vor 100 Jahren wurde das Wahlrecht für Frauen und der 8-Stunden-Arbeitstag eingeführt, sowie das Zölibat für Lehrerinnen aufgehoben.

Vor 200 Jahren wurde Goethes „Faust“ in Berlin uraufgeführt und Spanien trat Florida an die USA ab.

300 Jahre ist es her, dass der Roman „Robinson Crusoe“ erschien und der Erfinder des sächsischen Porzellans Johann Friedrich Böttger starb.

Vor 400 Jahren schließlich wurde die Unibibliothek Würzburg gegründet und Cyrano de Bergerac geboren.

Die Spanier betraten vor 500 Jahren zum ersten Mal die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan.

Vor 600 Jahren kam es zur Gründung der Universität Rostock.

Und vor nunmehr 700 Jahren….. fällt die Stadt Marburg einem Großbrand zum Opfer.

 

Ein für die große Bühne eher unbedeutendes, aber für die Rathenower Bürger doch sehr wichtiges Ereignis fand ebenfalls im Jahr 1319 statt. Markgraf Waldemar schenkte am 18. Juni den Bürgern der Stadt das Gut Rodewald.

 

In der Festschrift zum 600 jährigen Jubiläum  im Jahre 1919 hieß es noch, dass sich die politische Lage im Vergleich zu 1319 eher glich. Kleinstaaterei und nationalistische Interessen waren an der Tagesordnung und führten letztendlich zu andauernden Kriegen  zwischen den deutschen und europäischen Völkern. Einhundert Jahre später blicken wir auf ein zusammenwachsendes und dennoch streitbares und bei weitem nicht vollkommenes Europa, in welchem das Mittel des Krieges zur Konfliktlösung hoffentlich endgültig der Vergangenheit angehört.

Doch wie kam es dazu, dass vor 700 Jahren  das  7000 Morgen große Gut der Stadt geschenkt wurde und was passierte in den folgenden Jahrhunderten? Hier ein wirklich kurzer Abriss der Ereignisse.

Anfang des 14. Jahrhunderts führten die Askanier, unter Führung des Markgrafen Waldemar Krieg in der Mark Brandenburg. Die Bürger des im Jahre 1295 zur Stadt erhobenen Rathenow nahmen, wie damals üblich, an der Seite ihres Landesherren an den Kämpfen teil. Zwar ist in der Schenkungsurkunde von „ der Notdurft und dem Mangel, womit unsere Mitbürger von Rathenow bedrückt werden“ die Rede, jedoch war wohl der Hauptgrund der Schenkung, die Begleichung des offenen Soldes bei den Rathenower Bürgern.

Die Bürgerschaft der Stadt Rathenow konnte sich glücklich schätzen, ein so großzügiges Geschenk erhalten zu haben. Zum einen bedeutete der Besitz eines Waldes immer genug Vorrat an Holz zum bauen und heizen, die Waldflächen  wurden aber auch als Waldweide und die Bodenstreu für die Viehhaltung genutzt. Zum anderen verstarb Markgraf Waldemar bereits kurz nach der Schenkung am 14.08.1319 in Bärwalde. Und ob seine Erben die Bürgerschaft so reich beschenkt hätten bleibt fraglich.

 

Im Laufe der Zeit wurde aus dem „Hof Rodewald“ die Bürgerheide und später der Stadtforst. Im Jahre dann 1324 erhielt die Bürgerschaft das Privileg für die niedere und mittlere Jagd.

 

Mit den Jahren nahm die Ausbeutung der Bürgerheide ein Maß an, welches dazu führte, dass es dem Wald sehr schlecht ging. Der Rat der Stadt Rathenow bestellte daher zum Schutz des Waldes bereits 1353 die so genannten Ratsschützen oder Heideläufer.

In der Statuta der Stadt Rathenow aus dem Jahr 1612 werden dann weitergehende  Regeln zum Umgang mit dem Bürgerholz aufgestellt.

 

Die Verwaltung der städtischen Forsten obliegt nun der Forst Deputation. Dies sind Bürger die als Vertreter und Abgesandte des Magistrats die Einhaltung der Statuta beaufsichtigen sollen.

 

Aus dem Jahre 1725 ist eine Anweisung des Rates der Stadt zur Lieferung von 25 Eichenstämmen zum Bau der Rathenower Stadtschleuse erhalten geblieben. Da die Stadtschleuse anderen Quellen nach erst im Jahre 1732 gebaut worden ist, bedeutet dies wohl, dass schon damals die Amtsmühlen langsam mahlten, da von der Anweisung bis zur Umsetzung des Baus immerhin sieben Jahre vergingen.

 

Im Jahre 1772 richtet die Stadt den ersten Forstetat ein. Hier wird das erste Mal ein Geldbetrag für die notwendigen Auslagen, wie Löhne der Heideläufer, Instandhaltung der Forstgestelle aber auch für die Einnahmen aus dem Bürgerholz festgeschrieben.

Die Ordnungswut der Preußenkönigs Friedrich des Großen machte auch vor Rathenow nicht halt, als dieser am 17.06.1782 in einem Befehl anordnete, dass die Rathenower Bürgerheide vermessen und in Schläge eingeteilt werden sollte. Die Stadträte sahen jedoch den Sinn dieser Maßnahme nicht ein und verweigerten diese und noch zwei folgende Anordnungen. Erst in den Jahren 1804 und 1805 wurden die städtischen Forsten erstmals vermessen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Jahre 1809 erscheint die erste Städteordnung. Somit ging auch der Besitz des Bürgerholzes von den Bürgern auf die „Communia“ über. Die Streunutzungs- und Weiderechte bleiben jedoch bei den Bürgern.

Im Jahre 1812 wird Wilhelm Brandt dann als der erste Stadtförster Rathenows angestellt. Ihm zur Seite stehen die Heidewächter Jacob Schuhmann und Heinrich Leue.

 

Ein großer Umbruch in der Nutzung der Bürgerheide geschah dann im Jahr 1847 als die verbliebenen Streunutzungs- und Weiderechte den Rathenower Bürgern für 22.290 Talern von der „Communia“ abgekauft wurden. Im gleichen Jahr wird Carl Friedrich Wilhelm Ludwig Brandt, wahrscheinlich des Sohn des ersten Stadtförsters der nächste Stadtförster und bleibt bis zum 10.05.1898. Herr Brandt erhält im Jahre 1858 personelle Unterstützung. Mit Theodor Grandke wird ein weiterer Förster eingestellt. Dieser bleibt bis 1891. Heinrich Angern,als dritter Förster ist nur zwei Jahre, von 1872 – 1874  in Rathenow tätig, dann wird Julius Greiner 1875 als  dritter Förster eingestellt. Ernst Jasse übernimmt 1891 den Posten von Herrn Brandt und wird der erste städtische Oberförster.

Carl Johann Schumrick folgt 1898 als neuer Oberförster. Unterstützung erhält er ab 1912 von Erich Nitzke als 2. Stadtförster.

Hermann Laubenheimer wird 1919 städtischer Oberförster und bleibt dies bis 1923.

Am 15.05.1923 wird der Forstrat a.D. Friedrich Albert Schröder  auf Honorarbasis als Leiter des städt. Grün- und Forstamtes angestellt. Ihm zur Seite steht ab 1926 Fritz Maetschke  als Stadtförster. Beiden werden im Jahre 1936 schwere Untreue und Betrügereien zum Nachteil der Stadt Rathenow nachgewiesen. Am 25.04.1936 teilt der zuständige Kriminalbeamte mit, dass Forstrat Schröder sich nach einer Unterredung mit ihm, den Fall betreffend, in seinem Büro erschossen habe.

In den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges wurde auch der Rathenower Stadtforst schwer in Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere der Bereich zwischen Neufriedrichsdorf und der damaligen Stadtgrenze wurde von Geschütz- und Gewehrfeuer getroffen. Noch heute, über 70 Jahre später sind in älteren Eichen und Kiefern Geschossreste zu finden.

Nach dem Krieg wird Herr Matuschke erster Stadtförster. Ihm unterstellt bis zu seinem Ausscheiden Förster Nitzke.

 

Mit der Bildung der Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebe 1952 verliert der Rathenower Stadtforst seine kommunale Eigenständigkeit und wird Teil des StFB Rathenow. Es erfolgt die Zuordnung des südlichen Teils zum Forstrevier Fenn. Bis 1954 ist hier Werner Appel als Förster tätig. Ihm folgt Helmut Doeppner, welcher das Revier 1958 an Klaus Müller weiter gibt. Der mittlere Teil des Stadtforstes bildet nun das Revier Riesenbruch. Bis 1958 kümmert sich Wolfgang Kackstein darum, dann übernimmt Helmut Doeppner diesen Revierteil. Der östliche Teil des Stadtforstes wird dem Forstrevier Stechow zugeordnet. Hier ist Hans Neumann für die Waldbewirtschaftung zuständig.

 

Der Ruf der in Rathenow stationierten sowjetischen Streitkräfte nach mehr Übungsraum verhallte nicht ungehört. So wird auf Anweisung der SED Kreisleitung 1964 ein Gebiet von über 400 ha östlich der Breitscheitstraße zum Sperrgebiet und der Wald zwischen dem Wasserwerk und der Straße Semlin-Ferchesar muss einem Fahrübungs- und Schießplatz weichen. Die tiefen Wunden die dies in den Stadtforst gerissen hat sind auch heute noch unübersehbar.

 

 Da die Übungsflächen nach wie vor unter Kampfmittelverdacht stehen und Mittel für die Beräumung von solchen Flächen in unserer reichen Bundesrepublik eine eher untergeordnete Rolle spielen, werden sie auch in der näheren Zukunft leider nicht genutzt werden können. Der Antrag zur Kampfmittelräumung beim Land fristet seit nunmehr 22 Jahren dort ein trauriges Dahsein.

 

Acht Jahre später, am 13.November 1972 wurden wieder Forstflächen arg in Mitleidenschaft gezogen. Ein Orkan wütete über dem Havelland. Auf dem Gebiet des Stadtforstes wurden über 20.000 Festmeter Holz geschädigt. Das ist etwa die fünffache Menge des jährlichen Holzeinschlages. Die Aufräum- und Wiederaufforstungsarbeiten dauerten bis zum Anfang der achtziger Jahre.

 

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 machte die Stadt Rathenow ihre Rechte am Stadtforst geltend. 1992 war es dann soweit. Alle Flächen mit Ausnahme der Übungsflächen nun der Westgruppe der russischen Streitkräfte wurden an die Stadt zurückgegeben. Mit den Flächen übernahm die Stadt auch den Revierförster Helmut Doeppner, sowie fünf Waldarbeiter.  Herr Doeppner ging 1994 in den wohl verdienten Ruhestand. Von den Waldarbeitern sind die Kollegen Szpitalny und Fahlenberg noch heute im Stadtforst tätig.

 

Nach langen Verhandlungen wurden dann im Jahre 1997 auch die ehemaligen Übungsflächen mit einer Größe von ca. 467 Hektar an die Stadt zurück übertragen.

 

In den zurückliegenden 25 Jahren, für die Forst ein eher kurzer Zeitraum, lag das Bestreben vor allem darin, die doch recht eintönigen Kiefernforsten in standortgerechte Laub- oder Mischwälder umzuwandeln. Dies ist bisher auf über 400 ha Fläche auch recht gut gelungen. Als ein außergewöhnliches Ereignis ist die Eingemeindung der Ortsteile und Zugliederung der dortigen Forstflächen zum Rathenower Stadtforst im Jahre 2002 zu nennen. Im Jahre 2010 führte der mehr als doppelt so hohe Jahresniederschlag zu großflächigen Überflutungen im Stadtforst. Es dauerte weit über ein Jahr bis sich die Grundwasserstände wieder normalisiert hatten. Dies war auch das Jahr in dem das letzte Mal nennenswert Schnee in der Region lag.

 

Am 5. Oktober 2017 zog Sturmtief XAVIER, mit Böen bis Orkanstärke   über Deutschland hinweg. Innerhalb von nur 15 Minuten wurden im Stadtforst über 3500 Festmeter Kiefern und Eichen umgeworfen. Die Aufräumarbeiten dauern noch an, die Wiederaufforstung der betroffenen Bereiche ist im vollen Gange und wird  noch einige Jahre in Anspruch nehmen.

 

2018 war wiederum das trockenste Jahr der jüngeren Geschichte. So fiel der letzte nennenswerte Niederschlag am 14. April und mit Ausnahme eines kurzen heftigen Niederschlags am 02.August waren alle Weiteren von so geringer Intensität, dass es zu extrem ausgetrockneten Böden und damit verbunden schweren Schäden an Pflanzungen, Naturverjüngungen und der natürlichen Bodenvegetation kam.

 Als Folge der Trockenheit und der andauernden Wärme ist nun eine deutliche Vermehrung von Schadinsekten, wie dem Kiefernborkenkäfer oder dem blauen Kiefernprachtkäfer zu beobachten. Im Jahre 2019 ist die Trockenheit bisher bei Weitem noch nicht überwunden. Auch erhebliche Spätfrostschäden auf über 30 ha Eichenjungwüchsen müssen wir in diesem Jahr bereits verzeichnen.

 

Die hier kurz dargestellten Klimaereignisse und deren Folgen fanden alle in einem Zeitraum von nur acht Jahren statt und reichen von extrem zu nass über extrem windig bis zu extrem trocken. Ja, der Klimawandel ist auch hier angekommen.

 

Dies zeigt welche Herausforderungen in Zukunft an eine, von immer mehr Witterungsextremen beeinflusste Forstwirtschaft gestellt werden. Da ist zum einen die Fortführung des Umbaus der zwar ertragreichen, aber naturfernen Reinbestände in naturnahe Waldbestände wo es möglich ist und zum anderen die Stabilisierung der vorhanden Bestände durch konsequente Bestandespflege und der damit verbundenen Erhöhung der Einzelbaumstabilität.

 

Der Erfolg, auch und insbesondere der kommunalen Forsten kann und darf deshalb nicht ausschließlich finanziell an einem positiven Reinertrag gemessen werden. Wälder, gerade in Siedlungsnähe haben eine vielfältige Bedeutung für die Stadtbevölkerung. Neben  Luftreinhaltung und Trinkwassergewinnung ist es auch der Erholungswert, den die Generation Smartfon leider immer weniger erkennt.  Erholte Mitarbeiter sind nachweislich leistungsfähiger. Der Wald trägt also mittelbar ein gutes Maß zum wirtschaftlichen Erfolg anderer Branchen bei. Eine wie auch immer geartete Anerkennung für reine Luft, frisches Trinkwasser oder gut gelaunte, erholte Waldbesucher erfährt der Wald leider nur sehr selten.

 

Ein Jubiläum wie das hier begangene trägt erheblich dazu bei, den Kommunalwald wieder etwas mehr in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu rücken. Die Stadt Rathenow hat es seit nunmehr 700 Jahren geschafft ihren Forst zu erhalten und in den letzten 200 Jahren auch zu mehren.

 

Dies war nur durch die Identifizierung vieler Rathenower Forstmitarbeiter mit Ihrem Wald möglich. Generationen von Heideläufern, Waldarbeitern und Waldarbeiterinnen, Förstern, städtischen Mitarbeitern, Bürgermeistern und Abgeordneten der Stadt Rathenow gebührt an dieser Stelle ein großer Dank. An dieser Stelle möchte ich mich aber auch noch einmal bei den Mitarbeitern der Stadt bedanken, welche tatkräftig dazu beigetragen haben, dass unser besonders Jubiläum in diesem Jahr angemessen gewürdigt werden kann. Mein besonderer Dank gilt dabei Katrin Rentmeister und Franziska Rahn.

 

In diesem Jahr warten noch einige Höhepunkte auf die interessierten Waldbesucher. Sei es die Errichtung des Gedenksteins zum Jubiläum, die Spendenbox befindet sich übrigens an der Bar, oder die Erkundungstouren zu Fuß oder per Rad. Auch unser Fotowettbewerb „ Mein Lieblingsort im Stadtforst“  ist sicher ein guter Grund unserem Stadtforst wieder einmal einen Besuch abzustatten.

 

Ich hoffe aber, dass  auch über das Jubiläumsjahr 2019 hinaus das Interesse an unserem Rathenower Stadtforst erhalten bleibt, dass wir von größeren Witterungsunbilden verschont bleiben und das sich  „ …diese beste Kleinod von allem, was zu dieser Stadt gehört“ naturnah und wirtschaftlich weiter gut entwickelt.

 

In 100, 300 oder 700 Jahren steht dann möglicher Weise wieder ein Rathenower Stadtförster hier um in vielleicht erstaunte, interessierte Augen zu blicken und über die letzten Jahrhunderte der Geschichte des Hofes Rodewald, der Bürgerheide und den Rathenower Stadtforst zu berichten.

 

Thomas Querfurth

Stadtforst Rathenow